Warum Selbstfürsorge nicht erst an zweiter Stelle stehen sollte
„Weil sich meine Mutter gut um ihr eigenes Gefühlsleben kümmerte, konnte sie meinen Wutanfällen zuhören, ohne diese persönlich zu nehmen oder die Fassung zu verlieren“ (Tosha Schore – Vorwort im Buch Hand in Hand von Patty Wipfler & Toscha Schore)
Selbstfürsorge – ein oft verwendetes Synonym für „auf irgendeine Art und Weise Zeit für sich einräumen“. Genau das, was als Elternteil nicht nur einem enormen organisatorischen Kraftakt gleichkommt, sondern umgehend in einen erdrückenden Wasserfall an Schuldgefühlen und die Empfindung von äußerst negativ behaftetem Egoismus mündet. Und so bleibt jeder kleinste Versuch „sich selbst etwas Gutes zu tun“ und „den Fokus auf sich selbst zu lenken“ viel zu oft verborgen, hinter den zig Aufgaben die täglich zu erledigen sind oder zumindest wir glauben, sie an erster Stelle erledigen zu müssen. All diese Aufgaben, die an erster Stelle stehen, nehmen allzu oft so viel Zeit in Anspruch, dass keine freie Minute und auch kein Elan mehr übrig bleibt für das, was an zweiter Stelle kommen würde.
Was aber passiert, wenn die zweite Stelle niemals berücksichtigt wird. Wenn die zweite Stelle immer und immer wieder übergangen wird. Es ist wohl kaum eine andere Rolle derart herausfordernd wie die Elternschaft. Nicht nur, dass du als designierte_r Mutter oder Vater 24 Stunden und 7 Tage in Bereitschaft stehst und all die verschiedenen Aufgaben erfüllst, die diese Position mit sich bringt (neben allen anderen Funktionen, die es zusätzlich zu erfüllen gilt). Um den eigenen Ansprüchen zu entsprechen und allzu oft noch vielmehr jenen der Gesellschaft, wollen alle täglichen Wünsche, Erfordernisse, Tätigkeiten, nicht nur erfüllt und erledigt, sondern selbstverständlich „richtig“ erledigt sein. Wäre das alles nicht schon genug … kommen wir jetzt zum viel wichtigeren Teil in diesem Spiel … die emotionale Komponente, die häufig nicht den notwendigen Stellenwert erhält und beinahe als kaum existent gewürdigt wird.
Das Ziel eines jeden Elternteils ist es grundsätzlich, das Kind, die Kinder liebevoll zu begleiten. Einmal gelingt dieses leichter und ein andermal bedarf es größter Zurückhaltung und Kompensation, um dem Kind möglichst liebevoll entgegen treten zu können. Doch wovon ist dieses nun abhängig? – Die Antwort mag für die eine oder den anderen etwas überraschend sein. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Gegenüber zu tun – zumindest nicht in direktem Sinne.
Nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen haben Wünsche und Bedürfnisse. Werden die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder nicht erfüllt, machen sie auf irgendeine ihnen mögliche Art und Weise darauf aufmerksam. Hat ein Baby beispielsweise Hunger wird es erst nur quengelig. Sofern dem Bedürfnis dann nicht nachgekommen wird, beginnt es irgendwann zu weinen und wenn das immer noch nichts nutzt, wird das Weinen zum Schreien. Das entspricht dem natürlichen Prozess eines Menschen. Erwachsene hingegen sind Meister darin, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu unterdrücken und doch sind sie da. Sei es auf Grund der Konditionierung oder des mangelnden Bewusstseins oder eben des Zeitmangels, bleiben sie im tiefsten Inneren verborgen. Werden Wünsche und Bedürfnisse auf Dauer missachtet, finden diese doch immer wieder einen Weg anzuklopfen, in der Hoffnung erhört und gesehen zu werden. Emotionen und Gefühle sind einer dieser Klopfzeichen, getriggert durch eine äußere Situation bzw. Person. Und irgendwann kommt es zur Entladung dieser inneren Unstimmigkeiten. Kinder dienen allzu oft als Auffangstation dieser Emotionen.
So kann das kleinste Malheur wie ein unabsichtlich umgestoßenes Glas Wasser, an dem einen Tag zu einem Hurrikan an Gefühlsausbrüchen seitens Mutter oder Vater führen und ein andermal um dieselbe Situation kaum Aufhebens gemacht werden. An dem einen Tag haben wir Nerven wie Drahtseile und ein andermal verträgt es nicht den geringsten Widerstand. Abhängig davon, welche Stimmungen in einem vorherrschen. Je besser wir uns kennen, je bewusster wir uns unserer Wünsche und Bedürfnisse sind und diesen auch Raum im Alltag einräumen, je achtsamer wir mit unseren Gefühlen und Emotionen umgehen – desto liebevoller der Alltag mit Kindern. (Nebenbei sei gesagt, selbiges gilt für die Beziehungen jeglicher Art, sei es Partnerschaft, Freundschaft, Nachbarschaft, im Berufsleben …)