Groß gegen Klein
Gestern beim Baden habe ich eine Szene beobachtet, die mir abermals meine Ohnmacht deutlich gemacht hat. Ein Vater (so gehe ich davon aus) mit seinem ca. 3-jährigen Sohn, nennen wir ihn mal Tim. Dabei war noch ein Mann, genauso groß wie der Vater. Tim hat wohl etwas fallen lassen und der Vater wollte, dass dieser 3-jährige Junge dieses Etwas wieder aufnimmt. Tim hatte aber anderes im Sinn. Der 2. Mann wollte beschwichtigen, indem er dieses Dings aufhebt. Der Vater jedoch meinte darauf, Tim müsse das lernen. Diese Angelegenheit dauerte über einige Minuten. Der Vater wurde immer wütender, was an seinem Ton deutlich erkennbar war. Tim ist ruhig dagestanden und hat seinen Vater beobachtet. Irgendwann hat der Vater den kleinen Mann angeschrien, so dass selbst ich davon erschrocken bin. Der kleine Tim, der nicht mal halb so groß war wie sein Vater, hatte diese zwei riesigen Männer vor sich stehen und war der Situation einfach ausgesetzt. Das beobachten zu müssen, hat mein Herz zugeschnürt. Am liebsten wäre ich hingerannt und hätte den Kleinen „aus den Fängen“ befreit. Ich hatte nicht den Mumm, diesen aufgebrachten Vater zurechtzuweisen. Doch wäre nicht genau das die Pflicht von uns Erwachsenen – für die Kinder einzustehen!?! Ich habe mir vorgestellt, wie ich einem Riesen gegenüberstehe, der mich mit aller Kraft wütend anbrüllt, knapp vor meiner Nase stehend. Bei dieser Vorstellung bleibt mir das Herz schier stehen. Und ich bin mir sicher, so ein Erlebnis wäre ein kleiner Schock, ein Trauma, das für immer in meinen Knochen stecken bleibt – sofern ich es nicht bewusst wieder aufzulösen weiß.
So ruhig wie Tim bei dieser Szene dagestanden hat, kann ich mir vorstellen, dass er diese Ausbrüche bereits gewohnt ist. Wie viele Brüllattacken kann ein kleines Kinderherz aushalten, ohne dabei zu zerbrechen? Sich verschließen, einen dicken Schutzmantel um sich aufzubauen ist hier die einzige Lösung. Einen Schutzmantel der die eigenen Gefühle in Zaum hält.
Ich bin mir bewusst darüber, dass dieser Vater nicht aus Böswilligkeit so handelt. Dieses Brüllen ist ein Ausdruck seiner Überforderung, Hilflosigkeit und seiner eigenen Verletzungen. Was uns wieder zu dem Thema „sich Bewusst sein und Selbstreflexion“ führt.
Ich hätte diesem Vater gerne gesagt: Stop! Geh einen Schritt zurück, tritt aus dieser Situation heraus. Atme durch. Spüre dich, nimm dich selbst wieder wahr und dann schau nochmals auf deinen Sohn. Wenn wir außer uns sind, haben wir keinen klaren Kopf und reagieren emotional. Emotionen sind alte Verletzungen die durch eine äußere Begebenheit angestoßen, in uns wieder zum Vorschein treten. Wenn wir emotional handeln, geht es NICHT um das Gegenüber. Es geht um uns selbst!
Unsere Gesellschaft, wir alle sind derart abgestumpft. Gefühlsduselei ist nicht angebracht. Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Echte Männer weinen nicht! (und im Übrigen fühlen auch nicht oder geben es zumindest nicht zu). Sei kein Mädchen! Heulsuse! Was uns nicht umbringt, macht uns stärker! Das hat uns auch nicht geschadet! … schadet uns diese Denkweise tatsächlich nicht? Wieso stehen wir dann als erwachsene Menschen ohnmächtig vor kleinen Kindern und brüllen sie an?!? … ein Gedankenspiel